Ein Ausbau der Erneuerbaren Energien senkt die Strompreise

Die Koalition aus Union und SPD möchte durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie den bisherigen Ausbau der Erneuerbaren Energie und die Ausbauziele bis 2030 einem „Realitätscheck“ unterziehen. Aussagen von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zu diesem Thema deuten für die Mehrzahl der politischen Beobachter daraufhin, dass die Ausbauziele reduziert und der Ausbau der Erneuerbaren Energien bis 2030 weniger konsequent vorangetrieben werden könnte als bisher.
Ungeachtet, ob diese Mutmaßung stimmt und welche Weichen die Politik in Sachen Ausbau von Solar- und Windenergie in Zukunft setzt, liegt eine aktuelle Studie der energiewirtschaftlichen Denkfabrik „Agora Energiewende“ zu diesem Thema vor. Diese Studie zeigt, dass unabhängig vom genauen Strombedarf im Jahr 2030 der weiterhin konsequente Ausbau der Erneuerbaren Energien die Stromkosten für alle Verbraucher um 2 Cent pro kWh senken wird.
Im nachfolgenden Artikel möchten wir die energiewirtschaftlichen Hintergründe des politischen Vorgehens beleuchten und die Studie kritisch prüfen. Als Endergebnis wird sich zeigen, dass ein konsequenter Ausbau von Erneuerbaren Energien beim Strompreis ein erhebliches Einsparpotential für Verbraucher beinhaltet.

Was sind die Gründe für einen Realitätscheck?

Das deutsche Klimaschutzgesetz besagt, dass die Treibhausgasemissionen (THG) im Jahr 2030 um mindestens 65% im Vergleich zum Ausstoß von 1990 gesenkt werden muss. Aus dieser Verpflichtung wird im EEG § 1 formuliert, dass auf dem Weg zur Klimaneutralität im Jahr 2030 mindestens 80% des Bruttostrombedarfs von Erneuerbaren Energien gedeckt sein müssen. (Siehe EEG §1 Abs. 2) Der Strombedarf im Jahr 2030, der in diese Berechnung einfließt, wird anhand eines Szenarios prognostiziert. Dieses Szenario sieht vor, dass ein gewisser Anteil der Energieversorgung in den Bereichen Mobilität, Wohnungswirtschaft und Gebäudeversorgung bereits elektrifiziert wurde. Hierbei steht nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts eine THG-Reduktion bis 2030 um mindestens 65% im Hintergrund.
Die Bundesregierung von Union und SPD fokussiert sich nun auf das EEG und strebt einen Anteil von mindestens 80% Erneuerbare Energien am gesamten Bruttostromverbrauch an. Nun wird der Bruttostromverbrauch aus dem größeren Zusammenhang des Klimaschutzgesetzes gelöst und stattdessen der aktuelle Bruttostromverbrauch herangezogen, um einen Bedarf für das Jahr 2030 zu prognostizieren. Da die Dekarbonisierung und Elektrifizierung in der Sektoren Gebäude und Verkehr bis zum Jahr 2030 aus heutiger Sicht nicht so schnell erfolgen wird wie ursprünglich geplant, wird der Bruttostrombedarf im Jahr 2030 mit hoher Wahrscheinlichkeit geringer ausfallen als in den Ausbauzielen des EEG ursprünglich angenommen.
Aus diesem Umstand könnte ein „Realitätscheck“ nun schließen, dass dadurch auch das Ausbautempo der Erneuerbaren Energien gedrosselt werden kann.
Warum diese letzte Schlussfolgerung wirtschaftlich in Bezug auf die Höhe der Energiekosten nicht sinnvoll ist, soll Ziel des restlichen Artikels sein.
Vielmehr wird sich zeigen, dass gilt: Unabhängig davon ob sich der Strombedarf wie ursprünglich prognostiziert entwickelt oder geringer ausfallen wird, reduziert ein weiterhin konsequenter Ausbau der Erneuerbaren Energien die Stromkosten für die Gesamtheit der Stromverbraucher.

Was sagt die Studie zum Ausbau der Erneuerbaren Energien?

Die Energieagentur „Aurora Energy Research“ hat im Auftrag von „Agora Energiewende“ eine Studie mit dem Titel „Powering the transition – Balancing electrification, power prices, and climate goals in Germany“ veröffentlicht. Diese Studie vergleicht mehrere Szenarien: eine moderate Erhöhung der Stromnachfrage bis 2030 wird verglichen mit einer stärkeren Steigerung der Nachfrage. Zusätzlich wird ein ähnlich starker Ausbau der Erneuerbaren Energien und von Batteriespeichern verglichen mit einer Verringerung des Ausbautempos um etwa die Hälfte.

Als Ergebnis sagt die Studie bei weiterhin konsequentem Ausbau der Erneuerbaren Energien sowie von Batteriespeicherkapazitäten voraus, dass die Strompreise für Verbraucher im Vergleich zur reduzierten Ausbaugeschwindigkeit um etwa 2 ct./kWh bis 2030 geringer ausfallen werden. Die Verringerung der Strompreise um 2 ct./kWh gilt – und das ist das interessante am Studienergebnis – unabhängig davon, ob sich die Nachfrage nach Strom bis 2030 wie ursprünglich prognostiziert entwickeln oder ob es eine geringere Stromnachfrage geben wird. Ein gleichbleibender Ausbau von Speicherkapazitäten und Erneuerbaren Energien ist also für jedes Stromverbrauchs-Szenario volkswirtschaftlich sinnvoll.

Wie ist die Studie einzuordnen?

Die Ergebnisse der Studie sind durchaus realistisch, denn bereits heutzutage haben die Erneuerbaren Energien einen preisdämpfenden Effekten von ebenfalls etwas mehr als 2 ct. pro kWh auf den aktuellen Strompreis. Dass ein weiterer Ausbau der Erneuerbaren eine Erhöhung dieses Preiseffektes nach sich ziehen wird, liegt an den zum Teil deutlich geringeren Stromgestehungskosten von Wind- und Solarkraft im Vergleich zur fossilen Stromerzeugung aus Gas, Kohle oder auch Atomenergie.
Ebenfalls realistisch erscheinen die angenommenen Ausbauziele für Solar- und Windkraft von den im EEG vorgesehenen 215 GW (Solar), 115 GW (Wind an Land) und leicht reduzierter 26 GW (Wind auf See) bzw. die Reduktionen mit Zielen für 2030 von 157 GW (Solar), 97 GW (Onshore Wind) und 21 GW (Offshore Wind).
Unerwähnt bleiben in der Studie allerdings die Veränderung der Kosten für den Netzausbau. Zwar ist es korrekt, dass durch den langfristig im Voraus verabschiedeten Netzentwicklungsplan der Bundesnetzagentur der Großteil des Netzausbaus bis 2030 bereits heute feststeht und damit ohnehin nicht mehr angepasst würde. Die Kosten bleiben bis 2030 für diesen Fall also ähnlich hoch. Ebenso stimmt es, dass ein Netzausbau, der sich bis 2030 nicht an das Ausbautempo der Erneuerbaren Energien anpasst, mit höheren Folgekosten nach 2030 rechnen muss. Über die lange Sicht bleiben diese Investitionen somit ohnehin nötig und können aus diesem Grund im Studiendesign unberücksichtigt bleiben. Jedoch sind für die Studienannahme einer großangelegten Produktion und Nutzung von Wasserstoff zur Langzeitspeicherung und von Batteriespeichern zur Kurzzeitspeicherung von Überschussstrom die Kosten ins Wasserstoff- bzw. Stromnetz miteinzuberechnen. Diese in der Studie genannten Voraussetzungen eines Ausbaus von Batteriespeichern und eines Hochlaufs der Wasserstoffproduktion innerhalb Deutschlands werden sich in allen Szenarien je unterschiedlich auf den Strompreis auswirken. Auch wenn nicht zu erwarten ist, dass diese Auswirkungen das Studienergebnis entscheidend verändern, so läge an diesem Punkt dennoch ein interessanter Ansatz für weitere Forschung.

Fazit

Ein konsequenter Ausbau der Erneuerbaren Energien bis 2030 reduziert den Strompreis um etwa 2 ct pro kWh. Dies gilt unabhängig davon, wie genau sich die Stromnachfrage bis zu diesem Zeitpunkt entwickeln wird und welcher Bruttostromverbrauch als Prognose angenommen wurde. Der preisdämpfende Effekt eines weiterhin fortgesetzten Ausbaus von Solar- und Windkraft, Batteriespeichern und eines Umbaus des Stromnetzes auf die Anforderungen Regenerativer Energien bleibt bestehen. Die Schlussfolgerung, dass ein geringerer Bruttostromverbrauch im 2030 aus ökonomischer oder gesellschaftlicher Sicht eine Reduzierung des Ausbautempos von Solar- und Windkraft bedingen würde, ist nicht korrekt – vielmehr ist das Gegenteil der Fall.